Crowdsourcing: Vom Leser zum Chefredakteur?

Die Zukunft der Medien liegt in der Beteiligung des Publikums auf allen Ebenen

von Prof. Dr. Dr. Thomas Schildhauer, Wissenschaftlicher Direktor, VORN Strategy Consulting
und Hilger Voss, Strategy Consultant, VORN Strategy Consulting

In allen Altersgruppen steigt die Internetnutzung weiter an, gleichzeitig werden die Nutzer immer aktiver. Ob sie nun Updates in sozialen Netzwerken posten, Fotos hochladen, Webinhalte aller Art in Social Networks weiterempfehlen („liken“) oder aufwendige Videos erstellen, die millionenfach abgerufen werden – die Aktivitäten nehmen weiter zu. Viele Arbeiten lassen sich ohne weiteres auf Smartphones und Tablet-Computern ausführen, da immer mehr Programme unter dem Gesichtspunkt der einfachen, intuitiven Bedienbarkeit erstellt werden. Die Möglichkeit, selbst erstellte Inhalte unmittelbar einem großen Personenkreis präsentieren zu können – über soziale Medien – übt einen großen Reiz auf Nutzer aus. Sie erstellen Inhalte nicht für sich allein, sondern um diese mit anderen zu teilen und auf diese Weise Aufmerksamkeit und Anerkennung zu gewinnen.

Von Unternehmen bis zu politischen Parteien können Organisationen dieses Potenzial nutzen, um beispielsweise eigene Aufgaben bearbeiten zu lassen, Produkte zu testen und zu verbessern , Ideen und sogar Konzepte für neue Produkte oder Kommunikationskampagnen oder mehr Bürgerbeteiligung bei demokratischen Prozessen, z.B. Petitionen zu gewinnen. Crowdsourcing ist der Begriff, unter dem diese Einbindung der Internetnutzer gefasst wird, eine Zusammensetzung der Begriffe „Crowd“ für die Masse der Internetnutzer und „Outsourcing“, der Auslagerung von Aufgaben aus dem Unternehmen. Geprägt wurde der Begriff durch den Journalisten Jeff Howe.

Systematisch lassen sich fünf verschiedene Arten der Nutzung der Aktivitäten der „Crowd“ identifizieren:

User Generated Content: Auswertung von Inhalten, die von Nutzern ohne Auftrag erstellt werden – also eine Vorstufe zum Crowdsourcin
Crowd Voting: Nutzer stimmen über vorgegebene Themen oder Produkte ab
Crowd Creation: Nutzer erstellen aktiv Inhalte, zum Beispiel im Rahmen eines Wettbewerbs
Collective Intelligence: eine Verbindung der Mechanismen aus Crowd Voting und Crowd Creation – Nutzer erstellen Inhalte und arbeiten gemeinsam an deren Verbesserung, zum Beispiel durch Möglichkeiten zur Abstimmung oder durch Kommentare
Crowdfunding: Nutzer finanzieren Projekte, an deren Erfolg sie glauben – verwandt dem Crowd Voting, aber mit deutlich höherem Gewicht; zum Teil fließen Millionenbeträge

Wie können diese Möglichkeiten im Journalismus genutzt werden?

Crowdsourcing: Formen

Crowdsourcing: Formen

User Generated Content auswerten
Unternehmen können die Aktivitäten von Internetnutzern auf verschiedene Arten auswerten: sie können das Internet nach Informationen, die ihr Unternehmen oder Konkurrenten direkt betreffen, durchsuchen; oder sie beobachten bestimmte Themen und Begriffe, die für sie interessant sind.

Im Journalismus kann die Auswertung von nutzergenerierten Inhalten dazu dienen, interessante Themen aufzuspüren und frühzeitig festzustellen, „wo sich etwas tut“. Reaktionen auf veröffentlichte Artikel können untersucht werden – am einfachsten natürlich Kommentare unter den betreffenden Artikeln, aber auch darüber hinaus in sozialen Netzwerken, Blogs etc. Passende Tools liefern hier gleich Informationen über die Tonalität der Diskussion mit: wie wurde der Artikel aufgenommen, was wird besonders gelobt oder kritisiert? Auf diese Weise kann die crowd bereits Anstöße und Verbesserungsvorschläge liefern.
Natürlich gibt schon die Nutzung der Möglichkeit, Artikel direkt über Social-Media-Buttons zu teilen, einen Eindruck des Erfolgs eines Artikels (‚social impact‘), ganz abgesehen von Klickzahlen.

Crowd Voting
Die einfachste Art, die Nutzer aktiv für konkrete Aufgaben und Ziele einzubeziehen, ist Crowd Voting. Nutzer können über die verschiedensten Fragestellungen zur Abstimmung aufgerufen werden, die Hürde der Teilnahme ist sehr niedrig. Meist werden einfache Fragen gestellt, mit der Möglichkeit, sich für eine Antwort zu entscheiden. Entsprechend einfach fällt auch die Auswertung aus.

Journalistische Angebote machen von dieser Möglichkeit oft Gebrauch im Rahmen von aktuellen, kontroversen oder emotionalen Themen: Nutzer können den aktuellen Stand einer Abstimmung erst dann sehen, wenn sie selber abgestimmt haben. Auf diese Weise wird ein einfacher Anreiz zur Beteiligung geschaffen (Neugier; das Gefühl, beteiligt zu werden).

Crowd Creation
In der nächsten Stufe werden Nutzer selber kreativ: sie erstellen eigene Inhalte, oft im Rahmen von Wettbewerben, wo am Ende die Beteiligten auf der Plattform und/oder eine Jury den Gewinner auswählt. In diesem Bereich geht es oft um Kommunikationskampagnen (Gestaltung von Anzeigen, Werbevideos oder Zubehör) oder Design- und Produktgestaltung. Die Zielgruppe ist möglichst breit gefasst: jeder soll sich grundsätzlich beteiligen können. Der Wettbewerb an sich ist oft in der Kommunikation wichtiger als das Endergebnis.

Im Journalismus ist das Konzept des Bürgerjournalismus altbekannt; bereits seit 2006 kommen bei Stern und Bild Leserreporter zum Einsatz. Gerade Fotos und Videos werden gerne genommen (besonders bei aktuellen Ereignissen, z. B. Naturkatastrophen). Ein anderes Beispiel ist die Huffington Post, die als Blog gestartet wurde und deren Inhalte auch heute noch größtenteils von freien Autoren stammen – welche im Gegenzug mit Aufmerksamkeit belohnt werden.

Collective Intelligence
Beim Einsatz von „Collective Intelligence“ wird Crowdsourcing wirklich interessant: im Wesentlichen handelt es sich um eine Verbindung der Mechanismen aus Crowd Voting und Crowd Creation. Nutzer reichen einerseits auf eine Aufgabenstellung hin ihre Beiträge ein, diese werden von anderen Teilnehmern bewertet. Gleichzeitig bietet sich die Möglichkeit, durch das Hinterlassen von Kommentaren an der Verbesserung der eingereichten Beiträge mitzuwirken. So entsteht im Idealfall durch einen regen Austausch zwischen den Teilnehmern ein Endergebnis, dessen qualitative Mängel deutlich verringert sind, da bereits mehrere Perspektiven in den Entstehungsprozess eingeflossen sind.

NZZ.at, der österreichische Online-Ableger der NZZ, hat dazu kürzlich ein interessantes Experiment gestartet: im sogenannten „Club“-Bereich werden Meinungen wiedergegeben – nicht nur redaktionelle, sondern diesen gleichgestellt auch Meinungen von Lesern. Längere (Blog-)Beiträge sollen dann neben denen der Redaktion stehen. Jedem Abonnent wird es ermöglicht, bestimmte Autoren auszublenden, ganz egal, ob es sich um Redakteure oder andere Nutzer handelt. Auf diese Weise findet automatisch eine Bewertung einzelner Autoren statt, besonders Störer („Trolle“) werden nach und nach herausgefiltert.

Crowdfunding
Eine Sonderform des Crowdsourcing, die sich weiterhin steigender Beliebtheit erfreuen kann, stellt das Crowdfunding dar. Crowdfunding bedeutet, dass bestimmte Produkte, Projekte, Geschäftsideen oder gesellschaftliche Initiativen finanziert werden und zwar durch eine große Anzahl von Geldgebern (Internetnutzer) und nicht durch einen oder wenige Investoren.

Bereits 2009 hat die New York Times den ersten rein von der crowd finanzierten Artikel veröffentlicht: über die Plattform Spot.us wurde die Reportage mit fast $ 10.000 finanziert. 2014 gelang es dem Projekt Krautreporter, diese Idee noch einen großen Schritt weiterzutreiben: mit insgesamt rund einer Million Euro waren über 15.000 Abonnenten bereit, die Seite zu finanzieren.

(eine leicht gekürzte Fassung diese Artikels erschien im kressreport Ausgabe 22/2014)

Ein Kommentar

  1. Toller Artikel mit ganz wichtigen Informationen und Erklärungen. Das wird dem ein oder anderen ganz sicher eine große Hilfe sein, denn in diesem Bereich kommen ja doch immer wieder einige Fragen auf.

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