Wie definiert man digitale Freiheit?

Eine nachdenkliche re:publica sucht Antworten.

VORN_republica_digitale Freiheit

Von Eyleen Grinda, Lisa Hartmann, Dorothea Stanjek

Diese Woche hat in Berlin die zehnte Ausgabe der re:publica stattgefunden, eines der global größten und wichtigsten Events zu digitalen Themen. Die diskutierten Inhalte betreffen schon lange nicht mehr nur Geeks und Blogger – dieses Jahr war sogar Edward Snowden per Video zugeschaltet. Publikumswirksam ging es um virtuelle Realität, theoretisch und praktisch. So hat Google am Dienstag einen Flashmob mit VR-Cardboard-Brillen veranstaltet, bei dem die Teilnehmer mit ihren eigenen Smartphones 360° Grad-Videos live erleben konnten.

Neben Hypes und Zukunftsvisionen beschäftigte sich die Szene allerdings auch mit Selbstreflexion und Selbstkritik: Was hat die re:publica in den zehn Jahren ihrer Existenz denn nun wirklich bewirken können? Die einstige Internet-Avantgarde des re:publica-Publikums ist zum Mainstream geworden. Sasha Lobo nennt sie auch die „Lost Generation“ des Internets, die ehemaligen Vordenker, die aber netzpolitisch nur wenig bewirken konnten. Als hätte es Edward Snowden nie gegeben – denn umfassende Vorratsdatenspeicherung ist heutzutage längst etabliert.

Wie definiert man digitale Freiheit?

Das war eine der zentralen Fragen der diesjährigen re:publica. Wie definiert sich Meinungsfreiheit im Netz? Ist das Kuratieren und gezielte Löschen von digitalen Inhalten richtig bzw. zulässig? Was ist Zensur? Und wie geht man mit Hass-Kommentaren um, die – oft im Schutz der Anonymität – die sozialen Median überschwemmen?

Sasha Lobo nennt viele bedenkliche Fakten in seinem Vortrag. So hat beispielsweise die AfD mehr Facebook-Anhänger (237.000) als alle etablierten Parteien zusammen. Soziale Medien als Plattform für den Rechtspopulismus? Sie beherrschen das Internet und erreichen somit schnell und effizient eine breite Masse. Auch Donald Trump hat eine große Fangemeinde auf Twitter und Instagram und verbreitet darüber seine Propaganda.

Folgt man Lobos Kritik muss man sich gedanklich aber auch mit den Grundsätzen von Meinungsfreiheit im digitalen Raum auseinandersetzen:
Wie schafft man die Voraussetzungen und den Raum für einen gesunden Diskurs aller? Sind Vorgaben und Ausgrenzung von Meinungen der richtige Weg? Wo sind politische Eingriffe sinnvoll und wo liegen neue politische Aufgabenbereiche? Rein theoretisch hat im Internet jede Meinung und jedes System eine Daseinsberechtigung. Natürlich kann der Einzelne einfach den Facebook-Freund, der die AfD liked, löschen, um seine Posts nicht mehr sehen zu müssen. Ignorieren statt agieren. Oder höhere politische Ebenen treffen die Entscheidung, solchen Gruppen und Meinungsmachern mit Verboten und „Löschkommandos“ bei Facebook zu begegnen.
Die Erfahrung zeigt jedoch, dass jede Meinung und Gruppierung eine neue Plattform finden wird, wenn auch abseits des breiten Diskurses in der Nische – schließlich existieren diese Meinungen in unserer Gesellschaft weiter. Die Gefahr besteht, dass man sich nur in seinem eigenen digitalen Glaskasten der heilen Welt bewegt. Man isoliert sich in einer selbst gewählten Filter Bubble, in dem man nur noch sieht, was man sehen möchte. Es ist wichtig die richtige Balance zu finden, direkten Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Meinungen den nötigen Platz einzuräumen, ohne sie jedoch einseitig zu fördern.

Sascha Lobo hat keinen konkreten Lösungsvorschlag für das Problem. Dennoch ruft er mit dem Titel seines Vortrages das Publikum zu einem unermüdlichen „The Age of Trotzdem“ auf. Man könne nicht nur kritisieren, man müsse weitermachen und sich nicht abbringen lassen. Lobo plädiert für einen neuen, digitalen Gesellschaftsoptimismus, ein achtsame Internetgemeinde und Platz für kleine Player und Gegenmodelle im digitalen Raum. Es könne nicht sein, dass das Internet sich zunehmend zu einem Plattformkapitalismus entwickle. Sein Aufruf an alle: „ „Ich möchte Euch dazu drängen, unternehmerische Aktivisten zu werden. Damit die Generation nach uns in einem menschenwürdigeren Internet lebt. […] Überführt euren Aktivismus endlich in die ökonomischen Ebene. Macht aus eurem Aktivismus ein Unternehmen, mit dem ihr eure Miete bezahlen könnt und noch drei Mitarbeiter.“
Es liegt immer noch in unserer Hand, ob das Internet zu einer Utopie oder Dystopie wird.

Quellen: re-publica.de; wired.de

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