Wir sind noch nicht so weit …

Weltweit nutzen 51% der Menschen soziale Medien als Nachrichtenquelle. In Deutschland ist der Anteil nur ungefähr halb so hoch.

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Von Jonas Gorris, Lisa Hartmann und Julia Zimmermann

Wir leben in einer global vernetzten Welt, in der (scheinbar) immer mehr passiert, in der dank digitaler Medien rund um die Uhr Informationen auf uns einprasseln, in der es immer schwieriger wird, den Überblick zu behalten, Nachrichten zu priorisieren, Relevantes von Irrelevantem und Glaubwürdiges von Unglaubwürdigem zu trennen. Kurzum: Wir fühlen uns zunehmend überfordert.

Um der Lage Herr zu werden, haben wir uns einen gesunden Pragmatismus im Umgang mit der fordernden, aber gleichzeitig so anziehenden digitalen Medienwelt angeeignet. Zugegeben nicht ganz ohne Vorbehalte, begeben wir uns in die Hände der Algorithmen, die Millionen von Nachrichten für uns erfassen, filtern und selektieren. Dieses personalisierte Aggregat wird uns dann übersichtlich und leicht verdaubar in Newsportalen oder unseren Social Media Feeds präsentiert. Vor allem letztere gewinnen dabei rasant an Bedeutung.

In einer Studie des Reuters Institute for the Study of Journalism, durchgeführt in 28 Ländern,  gaben 51% der Befragten an, soziale Medien mindestens wöchentlich als Nachrichtenquelle zu nutzen. Für knapp jeden Zehnten dienen diese Kanäle sogar als primäre Quelle. (Wenig überraschend: Vor allem aus dem Medienkonsum der jüngeren, digital Affinen sind soziale Medien nicht mehr wegzudenken und haben TV bereits als wichtigste Nachrichtenquelle abgelöst.)

Vor allem Facebook, das mittlerweile Nachrichten-Content priorisiert darstellt, nimmt hier eine dominante Stellung ein. Zwei Drittel der befragten User nutzen es nicht nur als Nachrichtenquelle, sondern viel mehr als interaktive Nachrichtenplattform. Aber auch Youtube, Twitter und WhatsApp sind längst ernstzunehmende Adressen – gerade wenn es um die Verbreitung brandaktueller Nachrichtenmeldungen geht.

Indem sie die Nachrichtenflut nicht nur überschaubar machen, sondern gleichzeitig den Nachrichtenkonsum nahtlos in unseren alltäglichen digital bestimmten Medienkonsum integrieren, sind es in erster Linie diese sozialen Medien, die die Nachrichtenwelt und ihre bekannten Gesetzmäßigkeiten in ihren Grundfesten erschüttern  (… und nicht etwa die klassischen Medienhäuser, die nun mit frischen, zielgruppenspezifischen Onlineformaten und -Inhalten reagieren; In Deutschland: Spiegel mit Bento, Zeit mit Ze.tt, Bild mit BYou oder auch Axel Springer mit dem News Aggregator Updays).

Endlich Übersicht. Problem gelöst?

Nicht ganz! Denn die Veränderung läuft rasend schnell. Und sie ist komplex und erlaubt dem Einzelnen kaum echten Zugang. Wir werden mitgerissen, ohne die Konsequenzen dieser Entwicklungen einschätzen zu können. – Wir wissen nicht, was es mit uns macht, wie Algorithmen funktionieren, wie sie (und ggf. ihre Macher und deren wirtschaftlich getriebenen Interessen) uns und unsere freie Meinungsbildung beeinflussen (im schlimmsten Falle gar manipulieren) können.

Hierin zeigt sich unser pragmatischer Umgang mit den digitalen Medien, die wir noch nicht so ganz verstehen und deren Bevormundung wir fürchten, auf die wir aber gleichzeitig nicht verzichten können – und wollen –, schaffen sie uns doch so wunderbare Erleichterung in einer wahnsinnig komplexen Informations-Landschaft. Wir lernen in Echtzeit. Wir experimentieren.

Wir sind noch nicht so weit …

Vor allem wir Deutschen begegnen personalisierten Nachrichten-Feeds noch skeptisch. So zeigen sich 42% der in Deutschland Befragten besorgt, in eine „Filter-Blase” zu geraten, in der ihnen ausschließlich „relevant” erscheinende Meldungen, die bestehende Meinung bestätigen und so einen kritischen Blick vernebeln, dargestellt werden.  44% befürchten wichtige Informationen zu verpassen, 46% zeigen sich besorgt beim Thema Privatsphäre und Datenschutz.

In keinem der 28 untersuchten Länder gibt es mehr „traditionelle User”, die ihre Nachrichten weiterhin bevorzugt aus TV, Radio und Print beziehen (Deutschland 50%; UK: 38%, USA: 36%, Schweden: 21%). Soziale Medien werden von nur 31% der befragten Deutschen als Nachrichtenquelle genutzt. Und für gerade einmal 6% stellen sie die primäre Anlaufstelle für Nachrichtenkonsum dar. Auch Pure-Online Marken wie Huffington Post oder Buzzfeed, das von 2% der Deutschen wöchentlich genutzt wird, tun sich ausgesprochen schwer. Dementsprechend stark ist die Position der traditionellen Nachrichten-Marken: allen voran die Öffentlich-Rechtlichen mit Tagesschau und ZDFheute, die wöchentlich von 54% bzw. 48% der Deutschen gesehen werden. Doch nicht nur offline, auch online regieren die „Alteingesessenen”: Spiegel Online wird von immerhin 19% der Deutschen besucht – und das jede Woche. Auch N24, n-tv, ARD, ZDF, Focus und Bild (alle über 15%) verfügen über starke Online-Präsenzen, mit denen sie sich der Angriffe der digitalen Player – bislang erfolgreich – erwehren.

Die totale Disruption der deutschen Medienlandschaft lässt noch auf sich warten. Noch …

Quellen: Reuters Institute Digital News Report 2016

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