Das Goldfisch-Phänomen

Wie unsere Aufmerksamkeitsspanne zunehmend schwindet und warum wir das als Chance begreifen sollten

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Von Jonas Gorris

Der zunehmend digitalisierte Medien-Konsum verändert die Art, wie wir Informationen begegnen, wie wir sie aufnehmen und verarbeiten. Wir werden immer besser darin, Informationen in kürzester Zeit zu bewerten und zu priorisieren. Für Unternehmen, die in diesen virtuellen Welten mit potenziellen Kunden kommunizieren wollen, birgt das Herausforderungen. Herausforderungen, die man auch als Chance begreifen kann. Und sollte.

 

Wie auch immer Sie zu diesem Artikel gekommen sind, was auch immer Sie bewogen hat, weiterzulesen – die Entscheidung ist unbewusst und spontan gefallen. Stimmt’s? Zack! Plötzlich lesen Sie diese Zeilen ohne genau zu wissen, wie und warum Sie hier gelandet sind. Wie im Blindflug. Zu verdanken haben Sie diese Entscheidung den wunderbaren Fähigkeiten Ihres Gehirns. Aber fangen wir vorne an …

Wir leben in Zeiten des totalen Information Overload. Seitdem wir angefangen haben, das Internet und soziale Medien als festen, ja vielleicht zentralen Bestandteil in unser Leben zu integrieren, prasseln zig-tausend Informationen auf uns ein – jede Sekunde, jede Minute, jeden Tag. Wir ertrinken in einer Flut aus Informationen und versuchen -mitunter verzweifelt- der Lage Herr zu werden. Denn verspüren wir nicht alle den Druck, so viel wie nur irgend möglich aufzunehmen, um nichts Relevantes zu verpassen? Haben wir nicht alle noch 17 Tabs im Browser, auf dem Handy, im Tablet geöffnet, mit spannenden Artikeln, die wir „unbedingt” noch lesen wollen?

Nun mag man meinen, dass uns diese Flut an Informationen schleichend zermürbt, dass sie uns die Fähigkeit raubt, uns zu fokussieren und zu konzentrieren, dass sie unser Gedächtnis beeinflusst und Informationen immer schlechter haften bleiben, dass sie uns treibt, von einer Information zur nächsten, immer auf der Suche nach dem nächsten Dopamin-Schub.

Stimmt! Aber nur zur Hälfte. Denn wir sind ausgestattet mit einem ganz wunderbaren Organ, dem (zumindest noch!) mächtigsten Prozessor, den die Menschheit kennt: unserem Gehirn. Und dieses unser Gehirn besitzt eine fantastische Fähigkeit: Es passt sich an. Es reagiert auf äußere Einflüsse, es lernt dazu und erweitert seine Fähigkeiten. Was für unsere Vorfahren noch überlebenswichtig war, ermöglicht uns heute, mit der neuen Informations-Flut umgehen zu lernen und verschafft uns Erleichterung.

Im Informations-Tsunami einer digitalisierten Medien-Welt lernt unser Gehirn zu schwimmen. Vor die Herausforderung gestellt, in einer stetig wachsende Menge an Informationen, die in Form von Emails, Push-Notifications und What’sApps und in immer kürzeren Intervallen auf uns einprasselt, zu navigieren, lernt unser Gehirn, Informationen (noch) schneller und effizienter einzuordnen, zu filtern, zu priorisieren und -vor allem- zu ignorieren und zu verwerfen.

Unsere Aufmerksamkeitsspanne schwindet

Der Rückschluss: Wir beschäftigen uns immer kürzer mit den an uns herangetragenen Informationen. Lag die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne der Menschen im Jahr 2000 noch bei 12 Sekunden, liegt sie heute bei 8 Sekunden. Fun Fact: Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs liegt bei 9 Sekunden. Machen Sie aus dieser „Information” was Sie wollen, aber sie verlangt nach einer Einordnung.

Für uns, die wir unser tägliches Brot mit Kommunikation verdienen, ist Aufmerksamkeit die einzige Währung, die zählt. Ohne sie geht es nicht. Keine Aufmerksamkeit, keine wirksame Kommunikation. (Das kennt jeder, der mal versucht hat, gleichzeitig eine -sicherlich ausgesprochen wichtige- Email oder What’s App zu lesen und ein Gespräch, z.B. über die Auswirkungen des neuen Präsidenten Donald Trump, zu führen.)

Es liegt auf der Hand: Der Kampf um das rare Gut Aufmerksamkeit ist schwieriger geworden, kämpfen wir mit unseren Botschaften doch nicht mehr nur gegen unsere Wettbewerber, sondern gleich gegen das ganze Internet. Gegen spiegel-online, gegen LeFloid, gegen Katzenvideos und manchmal sogar gegen spektakuläre Rutsch-Unfälle. Doch was nun klingt, wie das Ende der Werbung, wie wir sie kennen (und es vielleicht auch ist), muss als einzigartige Chance begriffen werden. Und zwar aus drei Gründen.

Ständig auf der Suche nach neuen Impulsen

Gute Nachricht Nr. 1: Die Aufmerksamkeit der Menschen lässt sich kaum noch über einen längeren Zeitraum binden. Das bedeutet aber auch: Auf ihrer Odyssee durch die Weiten des World-Wide-Web suchen die Menschen ständig und permanent nach neuen Impulsen. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten, ihre Aufmerksamkeit zu entführen. Es braucht bloß die richtigen Informationen, zur richtigen Zeit. Die Erkenntnis ist nicht neu: Wir sprechen von Relevanz. Nur ist sie eben bedeutender als je zuvor.

Positive Erlebnisse werden belohnt

Das bringt uns zur zweiten guten Nachricht: Das Netz ist voller Unfug. Voller mangelhaft aufbereiteter, unpassend adressierter Informationen. (Die Betonung liegt hierbei auf „voll”.) Viele Ausflüge ins Netz, vor allem die, die der Zerstreuung dienen sollen, wenn wir spontan und mehr oder weniger unbewusst zum Handy greifen (in der Werbeunterbrechung, an der Bushaltestelle, im Zug), sind geprägt von enttäuschenden Erlebnissen. Reine Zeitverschwendung, ohne Gehalt und Mehrwert. Soll heißen: Hochwertige Informationen, die ein positives Erlebnis bieten, einen echten Mehrwert im Leben des Rezipienten schaffen, sei es auch nur für einen kurzen Moment, werden honoriert.

Stellen wir uns folgende Situation vor: Sie kommen nach einem langen Arbeitstag nach Hause. Mehrere Meetings, den ganzen Tag gesprochen und zugehört. Jetzt wollen Sie einfach nur auf die Couch, ihre Lieblingsserie schauen, nebenbei nochmal Facebook checken, ein Urlaubsfoto liken, jemandem zum Geburtstag gratulieren. Wären Sie in dieser Stimmungslage offen für Informations-lastige Botschaften einer Bank, die Ihnen einen Fondssparplan schmackhaft machen möchte? Wohl kaum. Schließlich sind Sie ja im Entspannungsmodus und wollen sich nicht mehr mit „ernsten” Themen beschäftigen. Wie aber wäre es mit einem kurzen, unterhaltsamen Filmchen, das Sie kurz zum Lachen bringt? Das sie mit einem Klick mit ihren Freunden teilen können?

Relevanz ist also vor allem eine Frage des Timings und zielgenauen Adressierung. Die technologischen Tools stehen uns dabei zur Verfügung. Nur müssen wir sie richtig einsetzen. Customer Journeys und Experience Maps helfen uns dabei, die Bedürfnisse unserer Zielgruppen besser zu verstehen und einzuordnen – und so unsere Informationen passgenau auszusenden.

Positive Erlebnisse bleiben haften

Womit wir bei der dritten vielversprechenden Nachricht währen: Zwar lässt sich die Aufmerksamkeit der Kunden immer schwieriger gewinnen und halten, gleichzeitig werden wir aber auch immer besser darin, unsere volle Aufmerksamkeit den Dingen zu widmen, die wir für persönlich relevant halten. Mehr noch: Unsere Erinnerungsfähigkeit nimmt zu. Positive Erlebnisse bleiben haften. Schaffen wir es also, unsere Kunden relevant zu adressieren und ihnen einen echten Mehrwert zu bieten, werden wir nicht nur mit dem raren Gut Aufmerksamkeit belohnt, sondern mit ihrer Verbundenheit und Zuneigung.

Ein Plädoyer für Qualität

Und zwar für Qualität um jeden Preis. Wobei dieser nicht 6-stellig sein muss. Denn Qualität bedeutet Mehrwert. Es geht um begeisternde Erlebnisse. Es geht darum, nützlich zu sein. Es geht darum, „Werbung” zu schaffen, die gar nicht als solche wahrgenommen wird – und es in erster Linie auch gar nicht ist.

Das erfordert ein Umdenken: Wollen wir tiefgründige Informationen vermitteln, muss die Aufmerksamkeit zunächst „erkauft” werden. Es bedeutet ein Invest, eine Vorausleistung, die dem Kunden geboten wird, bevor er überhaupt ein Kunde ist. Und das braucht Geduld, Kreativität und -vor allem- Mut.

Dabei müssen wir uns von dem Impuls befreien, ständig messbare Conversions generieren und so unmittelbar auf Vertriebserfolge einzahlen zu wollen. Viel mehr sollte es darum gehen, positive Assoziationen im Kopf (potenzieller) Kunden zu verankern. Wer sagt denn, dass ein Rectangle-Banner nicht auch als Medium für Image-Werbung genutzt werden kann?

Der Kampf um das rare Gut Aufmerksamkeit ist voll entbrannt. Let’s get it on, ihr Katzenbabies dieser Welt!

 

Quellen:
http://venturebeat.com/2016/12/04/our-8-second-attention-span-and-the-future-of-news-media/
http://www.statisticbrain.com/attention-span-statistics/
Attention spans, Microsoft Canada, Spring 2015

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