Autonomes Fahren: Die letzten Hürden der Revolution

Sie wollen einem Autofahrer den Vogel zeigen, und merken, dass es gar keinen gibt: Willkommen in der Welt der selbstfahrenden Autos. Wir zeigen den Status Quo – und erklären, was der Technologie zum Durchbruch verhelfen wird.

 

von Jonas Gorris

  • Autonomes Fahren wird sich sehr wahrscheinlich durchsetzen – die Frage ist vor allem, wie lange es noch dauern wird.
  • Viele Unternehmen arbeiten an der Weiterentwicklung der autonomen Mobilität, allerdings kann bislang keines von ihnen ein abgeschlossenes Ökosystem  selbstfahrender Autos anbieten.
  • Wie bei allen technischen Revolutionen, müssen sich die Menschen an die neue Technologie erst gewöhnen. Außerdem stehen ethische Fragen im Raum, etwa wer bei von Robotern verursachten Unfällen die Verantwortung trägt.

Menschen, die in technisch angetriebenen Kisten durch die Gegend fahren – der Gedanke sei doch wirklich absurd, fand Wilhelm II. Und so verkündete der letzte deutsche Kaiser voller Überzeugung: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“

Er war nicht das erste mal in der Geschichte, dass Technikskepsis und Verklärung des Status Quo zu aus heutiger Sicht lustig anmutenden Fehleinschätzungen führten. Ganz ähnlich hatten sich schon die ersten Zugpassagiere geäußert: Die Bahnen führen so schnell, dass man die Landschaft überhaupt nicht genießen könne. Die Kutsche sei wirklich das geeignetere Verkehrsmittel.

Wer diese Geschichten kennt, betrachtet so manchen Skeptiker selbstfahrender Autos mit anderen Augen – auch, wenn es denen nicht an Argumenten mangelt: Was ist mit dem Freiheitsgefühl beim Autofahren? Was mit der persönlichen Entscheidung, das Tempolimit auszureizen oder in einer schönen Landschaft langsamer zu fahren, um den Ausblick zu genießen? Oder zu einem Date im Cabrio vorzufahren, in dem man selbst hinterm Steuer sitzt und auf die Hupe drücken kann?

Eine Revolution steht bevor – doch noch fehlt ein funktionierendes Ökosystem

Trotz aller Nostalgie: Die Revolution der selbstfahrenden Autos schreitet unaufhaltsam voran. Es gibt bereits eine Reihe an Erfolgsbeispielen, die zeigen, wie autonomes Fahren in der Zukunft funktioniert kann. Und durch die bald einsetzende Massenproduktion werden autonome Fahrzeuge in Zukunft bezahlbar werden.

Die Aussicht, Geld zu sparen, lässt viele Autofahrer ihre Skepsis überwinden: In einer Umfrage mit 13.000 Autofahrern gaben 45 Prozent an, dass sie sofort von Autobesitz auf autonome Taxis umsteigen würden, wenn sie dadurch Geld sparen können.

Aktuell schafft es allerdings noch kein Unternehmen, ein abgeschlossenes Ökosystem  selbstfahrender Autos anzubieten. Das verhindert aktuell den Durchbruch der Technologie. Es gibt viele Ideen – das kabellose Laden von Audi, Ford oder Volvo oder die Brain-to-Vehicle-Technologie von Nissan – aber bislang ist es keinem Unternehmen geglückt, sie zu einem runden Ganzen zusammenzufügen. Der erste Hersteller, der das schafft, hat gute Chancen, zum Marktführer zu avancieren.

London, Berlin, Bad Birnbach: Überall wird experimentiert

Bis es soweit ist, gibt es selbstfahrende Autos und Busse vor allem als Experimente – zum Beispiel auf dem Campus der Charité in Berlin, wo seit Kurzem Robo-Busse im Einsatz sind. Mit ihnen wollen die Berliner Verkehrsbetriebe BVG herausfinden, wie die fahrerlosen Verkehrsmittel bei den Berlinern ankommen. Das Projekt kostet insgesamt 4,1 Millionen Euro und soll nicht etwa bisherige öffentliche Transportmittel ersetzen, sondern eher ein Zusatzangebot darstellen – sagt man zumindest jetzt noch. Die Reaktionen sind bislang überwiegend positiv.

Nicht nur in Berlin, auch in London wird mit selbstfahrenden Verkehrsmitteln experimentiert. Seit letztem April fahren im Stadtteil Greenwich im Rahmen des Gateway Project fahrerlose pods durch die Straßen. In einer Umfrage unter 1.000 Menschen aus der Gegend gaben 43 Prozent an, ihnen habe das Projekt gefallen, 46 Prozent waren unentschieden, nur 11 Prozent waren nicht zufrieden.

Auch in Bad Birnbach in Niederbayern wird mit Erfolg ein autonomes Shuttle-Projekt mit Robo-Kleinbussen durchgeführt. Für Zweifler – und Notfälle – gibt es noch einen menschlichen Fahrtbegleiter, der eingreifen kann: Durch sofortiges Anhalten oder manuelles Umfahren von Hindernissen per Joystick. Durchgeführt wird der Test von der Deutschen Bahn. Ihr Vorstandsvorsitzender Richard Lutz ist stolz auf den „Pioniergeist“ seines Unternehmens: „Wie schon bei der Fahrt der ersten Eisenbahn vor über 180 Jahren.“

Wer ist verantwortlich bei einem Unfall?

Leider läuft es nicht immer so rund. Vor einigen Wochen verursachte ein selbstfahrendes Uber-Auto einen Unfall in Arizona, bei dem eine Fußgängerin beim Überqueren einer Straße erfasst wurde und ihren Verletzungen im Krankenhaus erlag. Bislang gibt es wenige solche Unfälle – und natürlich passieren solche Tragödien auch im normalen Straßenverkehr. Doch die involvierte Technik führt zu neuen ethische Fragen.

Es geht zum Beispiel um das sogenannte „Trolley-Problem“, also die Frage, wen das Auto im Ernstfall für wichtiger hält: seine Passagiere oder gefährdete Personen außerhalb des Autos. Der Name kommt von einem Gedankenexperiment, bei dem ein Mensch die Entscheidungsgewalt darüber hat, mit einer Weichenänderung entweder fünf andere Menschen sich selbst durch einen abgekoppelten Zug-„Trolley“ zu töten.

Solche Entscheidungen treffen Autofahrer bislang individuell im Eifer des Gefechts. Von selbstfahrenden Autos wird sie dagegen im Vorhinein rational berechnet. Das ist zwar eine schaurige Vorstellung, doch gleichzeitig werden selbstfahrende Autos dazu beitragen, den Straßenverkehr deutlich sicherer zu machen – was wiederum ein Argument ist, die Technik zu begrüßen.

Learnings

  1. Dass sich autonomes Fahren durchsetzen wird, da sind sich die meisten Experten einig. Vielmehr stellt sich die Frage, wie es passieren wird. Besonders hinsichtlich ethischer Fragen stecken viele Konzepte noch in den Kinderschuhen – was unter anderem am oben erklärten „Trolley-Problem“ deutlich wird. Hier muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, um das Vertrauen der Nutzer zu gewinnen. Am Ende wird jedoch die größte Hürde sein, ein geschlossenes Ökosystem anzubieten, das für den Nutzer leicht zugänglich ist und funktioniert.
  2. Der Mensch ist für gewöhnlich ein Gewohnheitstier und fürchtet sich vor Veränderungen. Gleichzeitig scheint ein Paradigmenwechsel stattzufinden: Die Generationen Y, X und Z zeigen sich – zumindest technischen Änderungen gegenüber – sehr viel aufgeschlossener als die Generationen vor ihnen. Und sogar in der älteren Generationen geben viele an, dass sie auf autonome Verkehrsmittel umsteigen würden, wenn sie dadurch Geld sparen könnten.
  3. Verändern wir die Technologie oder verändert die Technologie uns? Fest steht: Eine Anpassung des menschlichen Verhaltens gegenüber künstlichen Intelligenzen und selbstfahrenden Autos wird unumgänglich sein. Am Ende wird es eine Frage der Perspektive sein, aus der wir die neue Technologien betrachten, oder anders gesagt: Sind wir offen genug, um das nächste Kapitel der Mobilität zu öffnen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.