Bye bye Bildschirm

 

von Tom Davis

Alternativen zum klassischen Graphical User Interface (GUI) versprechen eine effizientere und dem Menschen besser zugängliche Nutzung und Oberfläche. Sie könnten die Art, wie wir mit Technik umgehen, revolutionieren. 

  • Über fast ein Jahrhundert hinweg haben wir uns an Bildschirme gewöhnt – doch womöglich sind sie gar nicht der beste Weg, mit technischen Geräten zu interagieren.
  • Ein Ersatz für das klassische GUI wird schon lange gesucht und seit einigen Jahren auch vertrieben. Die Kundenreaktionen auf Produkte wie Alexa, Amazon Home oder Cortana sind überaus positiv – und das Potential dieser Branche riesig.
  • Entwicklungen wie Zero Interface, No Interface oder Voice Interface öffnen dem Nutzer neue Möglichkeiten, wenngleich man sich erst einmal an sie gewöhnen muss.

Nachdem vor fast hundert Jahren der erste Fernsehbildschirm mit Erstaunen und Unglauben aufgenommen wurde, hat sich die Menschheit über die Jahrzehnte daran gewöhnt, Informationen hinter einer Scheibe hervorzulocken – sei es durch Fernsehen, durch die Interaktion mit einer Maus oder Knöpfen, oder durch das Wischen und Tippen auf Smartphones.

Nun, nach fast einem Jahrhundert rasanter Entwicklung, steht uns womöglich die Abkehr von Bildschirm bevor. Forscher sagen schon längst, dass es nicht gerade natürlich ist, auf eine Glasscheibe zu starren und mit dem Finger darauf herumzutippen und zu -wischen. Auch deshalb geht der Trend zu haptischeren Interaktionsformen; mit dem Ziel, dass der Nutzer seine fünf Sinne einsetzen kann, um intuitiv und ergonomisch mit der Technologie zu interagieren.

Die Alternativen zum bisherigen Graphical User Interface nennen sich No User Interface (UI), Zero UI oder Voice UI und versprechen eine effizientere und dem Menschen besser zugängliche Nutzung und Oberfläche. Nach dem Mantra „The best interface is no interface“ aus dem gleichnamigen Bestseller von Golden Krishna, werden zur Zeit Technologien entwickelt, die durch intuitivere, natürlichere Interaktion funktionieren. 

Mehrere Alternativen stehen in den Startlöchern 

Doch das ist sehr viel komplizierter, als es erstmal klingt. Wenn man erst einmal darüber nachdenkt, wie sehr wir uns an visuelle Informationen auf Bildschirmen gewöhnt haben, wird man feststellen, dass jede Alternative einiges an Umdenken erfordert. Wenn es keinen Bildschirm mehr gibt, wie gelangen wir dann an die Stelle – im Internet, im Fernsehprogramm, in der Musikmediathek –, zu der wir wollen? Und wie wird sie uns präsentiert? 

Eine Lösung ist das Voice UI, die in Form von Siri eingeführt und als Alexa weitergedacht wurde. Statt zum Beispiel den Laptop hochzufahren, ein Programm zu öffnen, durch eine Liste zu scrollen, einen Lautsprecher zu verbinden und auf Play zu drücken, funktioniert das Voice Interface ganz einfach durch einen Satz: „Spiel mir dieses Lied.“ Das reduziert einen relativ umfangreichen Prozess auf eine intuitive Handlung von wenigen Sekunden.

Weiß der User aber zum Beispiel nicht genau, was er eigentlich sucht oder will, kommt er mit dieser Interaktion nicht so weit. Während er beispielsweise am Bildschirm relativ flüchtig über eine Liste von möglichen Cocktailrezepten scrollen und dann irgendwann eines auswählen kann, müsste er dem Voice UI zuhören, während es diese Liste vorliest. Das ist anstrengend, erfordert eine Menge Aufmerksamkeit und ist alles andere als komfortabel.

Um den User trotzdem zufriedenzustellen, ist eine große Menge an persönlichen Daten erforderlich – wie bei einem Freund, den man gut kennt: Wenn man beispielsweise zusammen nach einem Restaurant sucht, weiß der Freund bestimmte Dinge, auf deren Basis er einen Vorschlag macht – ob man gerne scharf isst, wo man letzte Woche essen war, wo man immer schon hinwollte, oder wo man sowieso gerade dran vorbeiläuft. All diese Informationen muss ein Gerät haben, das mit derselben Lässigkeit Vorschläge macht oder Lösungen präsentiert, ohne dass man selber aktiv danach suchen muss.

Von allen vorstellbaren Entwicklungen ist das auditive Interface, das Voice UI (VUI), wohl das bisher am besten durchdachte. Mehrere große Firmen haben ihre Versionen eines allumfassenden kleinen Hauscomputers mit VUI auf den Markt gebracht und Erfolg gehabt. Alexa, das wohl bekannteste System mit VUI, kann schon heute tausende Dinge tun. In einigen Jahren sollen es Millionen Dinge sein – mit dem Ziel, das System so menschlich wie möglich zu gestalten. 

Auch der Echo Dot, die kleinere Version von Echo, hat sich zwischenzeitlich zum meistverkauften Produkt von Amazon gemausert – überhaupt. Mit knapp 50 US-Dollar ist das Gerät günstig genug, dass man nicht allzu lange über die Anschaffung nachdenkt, sondern es einfach mal ausprobiert. Laut Amazon haben „Millionen von Prime-Mitgliedern“ schon über VUI geshoppt und waren begeistert.

LEARNINGS

Den User verstehen
In welchem Kontext nutzt der User Ihr Produkt, was sind die Auslöser und was möchte er erreichen? Nur, wenn Sie den Nutzer ganzheitlich verstehen, wird das System irgendwann so viel gelernt haben und wissen wie ein guter Freund, und kann entsprechend reagieren. 

Natürliche Bedienung
Stellen Sie sich das Produkt immer als einen anderen Menschen oder einen natürlichen Teil der Umwelt vor. Falls das System abweichende Bewegungen oder unnatürliche Abläufe erfordert, ist es wahrscheinlich nicht die simpelste und beste Lösung. Das Interagieren darf keine besondere Anstrengung, Aufmerksamkeit oder Konzentration erfordern – es muss beiläufig und intuitiv bleiben.

Das richtige Maß finden
Gerade mit VUI ist die Balance zwischen hilfreich und nervtötend schwer zu halten. Mit dem sogenannten Cooperative Principle oder Grice’s vier Maximen (https://careerfoundry.com/en/blog/ux-design/voice-ui-design-and-cognitive-load) können Sie sichergehen, so viele Informationen wie möglich, aber nicht mehr als nötig zu vermitteln.

 

Weiterführende Links:

Zero UI: Designing for Screenless Interactions
https://theblog.adobe.com/zero-ui-designing-for-screen-less-interactions/

Google’s Golden Krishna on designing screenless experiences
https://blog.intercom.com/google-golden-krishna-screenless-experiences/

How Brands Can Find Their Voice On Alexa, According To This Amazon VP
https://www.forbes.com/sites/vivianrosenthal/2018/01/09/interview-with-toni-reid-vice-president-of-alexa-experience-and-echo-devices-at-amazon/#5469835b5f9f

How to Go from Screens to Voice without Overwhelming the User
https://careerfoundry.com/en/blog/ux-design/voice-ui-design-and-cognitive-load

No-UI: How to Build Transparent Interaction
https://www.interaction-design.org/literature/article/no-ui-how-to-build-transparent-interaction

Millions Use Alexa to Shop, and Brands Need to Start Paying Attention
http://www.adweek.com/digital/millions-use-alexa-to-shop-and-brands-need-to-start-paying-attention/

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