Deutschland, der Dinosaurier – Digitalisierung im öffentlichen Sektor

 

von Vivian Belz

Neue Technologien haben unseren Komfort in vielen Bereichen gesteigert. Doch der öffentliche Sektor – ein Feld, in dem die Digitalisierung sinnvolle und erleichternde Dienste leisten könnte – hat den Aufsprung verpasst.

Wie oft haben wir uns, zum fünften Mal in zwei Jahren dasselbe Formular ausfüllend, schon gefragt, wo die Digitalisierung eigentlich steckt, wenn man sie wirklich braucht. Neue Technologien haben unser Datingverhalten und politisches Engagement revolutioniert und unseren Komfort beim Essen bestellen, shoppen gehen und Sport machen beinahe ins Absurde gesteigert. Aber wenn wir zum Arzt oder zum Einwohnermeldeamt gehen, fühlen wir uns wie in einer Zeitkapsel der 80er Jahre gefangen. 

Der öffentliche Sektor in Deutschland – ein Feld, in dem die Digitalisierung sinnvolle und erleichternde Dienste leisten könnte – hat den Aufsprung verpasst. Deshalb müssen wir trotz Krankenkassenkarte beim Arzt jedes Mal wieder unsere gesamte Krankheitsgeschichte runterbeten. Und immer wieder Formular A zu Person B und wieder zurück tragen, um anschließend vier Wochen auf eine Antwort zu warten. Währenddessen sind alle anderen Dienstleistungen doch nur ein Wischen auf dem Smartphone entfernt. Was ist da also los bei den Behörden? Und wann ändert sich endlich was?

Zumindest auf die letzte Frage scheint es eine Antwort zu geben. Mit der „Digitalen Agenda“ will die Bundesregierung eine bürgerfreundliche und digitale Bürokratie in Deutschland erreichen – wie lange das dauert und wie gut es funktionieren wird, ist eine andere Frage. 

Die Idee ist, Big Data für die Methode des Process Mining zu nutzen, um Ineffizienz und Umständlichkeit zu minimieren; dafür sollen die in verschiedenen IT-Systemen gespeicherten Schritte eines Prozesses zusammengefügt und analysiert werden, sodass ein vollständiges digitales Bild entsteht, das einen groben Überblick und detaillierte Informationen zugleich bietet. Gerade im Gesundheitssektor könnten somit beispielsweise Wartezeiten bis zur Erstdiagnose von elf auf fünf Minuten reduziert werden – was doppelt so viel Zeit für andere Patienten bedeuten würde.

Länder wie Estland und Schweden sind viel weiter

Andernorts in Europa ist man in Sachen Digitalisierung schon weiter. In Estland werden 2019 digitale Personalausweise eingeführt, mit denen man online wählen kann, Daten erreichbar für Ministerien gespeichert werden und Nachweise oder Unterlagen digital gemanagt werden. Und in Dänemark lässt sich bereits heute mit wenigen Klicks ein Unternehmen gründen. 

In Schweden werden sämtliche Kontakte und Krankheitsprozesse in einer elektronischen Patientenakte gespeichert, die der Patient selbst einsehen darf, der Arzt aber nur, wenn er tatsächlich behandelt. Rezepte werden elektronisch ausgestellt und direkt an die Apotheke weitergeleitet. Außerdem läuft in Schweden jegliche Kommunikation im öffentlichen Sektor über eine einzelne Personennummer, und jede Behörde hat ihre eigene App zur erleichterten Interaktion mit Bürgern.

Und nicht nur das: Nebst diesen eher serviceorientierten Vorteilen kann ein digitalisiertes Gesundheitssystem auch Leben retten, wenn zum Beispiel Sanitäter im Krankenwagen über die Patientenakte verfügen; oder wenn sie den Zustand eines Patienten digital direkt an das Krankenhaus weiterleiten können und dort schon alles vorbereitet werden kann.

Hamburg als deutscher Vorreiter?

Innerhalb Deutschlands versucht etwa Hamburg, mit gutem Beispiel voranzugehen. „Hamburg soll bundesweit führend bei der digitalen Verwaltung werden“, sagt der Chief Digital Officer (CDO) des Senats. Die Implementierung dieses Versprechens sieht dann so aus: Ab nächstem Jahr sollen Bürger online einen Bewohnerparkausweis beantragen können. Auch Schwerbehindertenausweise, Baumfällgenehmigungen und Alsterboot-Angelkarten können dann im Internet beantragt werden.

Fest steht: Es klaffen Abgründe zwischen dem digitalen Fortschritt unserer Bürokratie und der in anderen europäischen Ländern. In dieser Hinsicht erinnert die deutsche Regierung  etwas an einen Großvater, der sich unbedingt einen Laptop kaufen musste und jetzt sehr bemüht und guten Willens – aber leider mit unüberwindbarem analogen Starrsinn – versucht, seine Arbeitsweise von vor vierzig Jahren ins heutige Zeitalter zu versetzen. 

Doch die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt. Wir bleiben optimistisch, dass die Digitalisierung im öffentlichen Sektor mit Hamburg ihren ersten Schritt macht und die deutschen Behörden nach und nach digitaler werden. So mancher Opa lernt ja schließlich doch noch, seinen Computer zu bedienen. 

Key Takeaways

  • Länder wie Estland und Schweden zeigen den Weg in die digitale Bürokratie und nehmen Vorreiterrollen in der EU ein. Auch in anderen europäischen Ländern ist die Digitalisierung öffentlicher Einrichtungen in vollem Gange. In Dänemark etwa lässt sich bereits heute mit wenigen Klicks ein Unternehmen gründen. 
  • Deutschland steht in den nächsten Jahren vor der Herausforderung, die Kluft zwischen digitalem Fortschritt und Zettel-Bürokratie zu überwinden. Hierfür müssen Prozesse digitalisiert und IT-Systeme geschaffen sowie gebündelt werden. „Die Digitale Agenda“ der Bundesregierung liefert hierfür erste Anstöße. 
  • Sollten die Pläne der Bundesregierung umgesetzt werden, wird es bald auch in Deutschland elektronische Krankenakten geben. Außerdem sollen Rechnungen elektronisch verschickt und bearbeitet werden können. Zusätzlich will die Regierung „Bürgerinnen und Bürgern sowie Unternehmen im Netz einen leicht auffindbaren, sicheren Zugang zu Verwaltungsdienstleistungen bereitstellen“.

 

Weiterführende Links:
https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2017/05/2017-05-17-evaluierung-regprogramm-dig-verw-2020.html?nn=392426
https://www.techtag.de/digitalisierung/schweden-und-die-digitalisierung-ein-land-mit-vorbildfunktion/
https://www.digitaler-staat.org/2017/11/20/daenemark-land-der-digitalisierung/
https://www.haufe.de/oeffentlicher-dienst/personal-tarifrecht/e-government-digital-first-in-hamburgs-behoerden_144_450438.html
https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2017/05/2017-05-17-evaluierung-regprogramm-dig-verw-2020.html?nn=392426

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