Digitalisierung – Nur neue Technologien?

 

von Ilseken Roscher

Plädoyer für eine Kulturtransformation

Technische Entwicklungen und die Digitalisierung verändern Wirtschaft und Gesellschaft schneller als je zuvor. In so dynamischen, unsicheren Umfeldern und mit wachsenden digitalen Anforderungen müssen Unternehmen agiler werden, denn mit den vielfältigen neuen Möglichkeiten steigen auch die Kundenanforderungen an Produkte, Leistungen und Service.

Wie erreichen und binden wir zukünftig Kunden?

Mit welchen Maßnahmen erleichtern und verbessern wir zukünftig den Alltag der Nutzer?

Welche Prozesse und Tools benötigen wir dazu?

Solche Fragen müssen Unternehmen schon heute fortlaufend neu und zunehmend flexibler für sich beantworten können.

Nahezu alle nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung: Die meisten Firmen betreiben inzwischen eigene Websites und viele investieren bewusst in die digitale Transformation ihres Geschäfts und Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, Dienstleistungen und Produkte.

Der digitale Wandel und sichere Umgang mit Themen wie KI, IoT, VR, VA, Cloud, Blockchain usw. ist in deutschen Unternehmen also längst angekommen? Auch bei den Menschen, die dort arbeiten?

Abgesehen von einigen IT- und Kommunikationsabteilungen – schön wär´s.

Fast ein Drittel ist von der Digitalisierung überfordert!

Die für Cisco durchgeführte repräsentative Studie „So digital denkt Deutschland wirklich“ zeigt Ende 2018, dass sich fast 30 Prozent der Deutschen auf die neuen, digitalen Technologien nicht ausreichend vorbereitet fühlen. Eine Erkenntnis, die sich mit dem D21-Digital-Index 2018/2019 des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie deckt. Hier geben 29 Prozent der Großstädter an, dass die Dynamik und Komplexität der Digitalisierung sie überfordert, auf dem Land sind es 34 Prozent.

Die zunehmende Einbindung des Internets in das tägliche Leben begeistert die Menschen also nicht automatisch. Bei denjenigen, die nicht zur Generation Y oder den sogenannten Millennials gehören, geht die Digitalisierung zum Teil mit tiefer Verunsicherung einher. Das gilt umso mehr am Arbeitsplatz, wo der Einsatz von Online-Tools für die internen Abläufe sowie die Nutzung von Saas- und IaaS-Anwendungen inzwischen tatsächlich zum Standard gehört.

Der Report von Cisco schlussfolgert da zurecht, dass es begleitend zur Einführung von Technologien zwingend notwendig ist, die Menschen in den Unternehmen an diese heranzuführen, Wissen und Fähigkeiten aufzubauen, Chancen zu erklären und Hemmnisse zu beseitigen.

Gleichzeitig scheint der Aufbau technischer Infrastruktur und notwendiger Kompetenzen nicht auszureichen, um die Anforderungen der digitalen Transformation im Unternehmen zu bewältigen. Denn die Mehrzahl der Unternehmen, die dies bereits von sich sagen, tut sich nach vor wie schwer mit dem digitalen Wandel, obwohl ihnen der technische Teil der Transformation bereits gelingt.

Der entscheidende Faktor für das langfristige Gelingen der digitalen Transformation im Unternehmen ist die Neuausrichtung der Kultur 

Für den Organisationsberater und Autor des Buches „Digitalisieren mit Hirn“ Sebastian Purps-Pardigol ist dies keine Neuigkeit: Natürlich sei der digitale Wandel auch technisch. Die wesentliche Herausforderung bei der digitalen Transformation liege jedoch in der veränderten Beziehungsqualität im Unternehmen. So gesehen finde vielmehr „eine durch die Digitalisierung getriebene kulturelle Transformation“ statt.

Kultur und so´n Schnickschnack

Aufsichtsräte in Deutschland wissen längst, dass sich jene Unternehmen besser entwickeln, die sich ernsthaft um ethische Grundsätze und gelebte Wertschätzungskultur bemühen: 96 Prozent gegeben 2018 an, dass ethische Grundsätze positive Auswirkungen auf Profitabilität und Krisenabsicherung haben.

Eine Studie der Personalberatung Rochus Mummert unter 130 Aufsichtsrats- und Beiratsmitgliedern in Deutschland, Österreich und der Schweiz bekräftigt dies: Ganze 70 Prozent der Overperformer-Unternehmen legen demnach Wert auf ethische Grundsätze und eine gelebte Unternehmenskultur, die sie aktiv gestalten.

Trotz der offensichtlichen Fakten bleiben die sogenannten weichen Themen in Aufsichtsratsgremien zugunsten von Innovation, Geschäftsplanung und Jahresabschluss noch immer weitestgehend auf der Strecke.

Solche Veränderungen lassen sich natürlich nicht von heute auf morgen umsetzen, geht es hierbei doch um einen immensen Bewusstseinswandel, um neue kulturelle Prozesse und eine ganz andere Art der hierarchieübergreifenden Zusammenarbeit zwischen den Menschen. Unausgesprochene Verhaltensweisen, Traditionen und soziale Muster, die sich vielfach über Jahre entwickeln und etablieren konnten, müssen im Rahmen der Transformation auf den Prüfstein gestellt und die Komfort-Zone verlassen werden.

Dabei verändern sich notwendigerweise klassische Hierarchien und auch das Selbstbildnis von Geschäftsführern muss sich wandeln. Die Mitarbeiter wiederum müssen die Chance haben, den Sinn anstehender Veränderungen klar zu verstehen, sonst entstehen Unsicherheit und Abwehr.

Je digitaler, desto mehr geht es um Verbundenheit, gemeinsames Lernen, Angstfreiheit und um Fehlerkultur

Bei der digitalen Transformation, die von neuen Formen der Zusammenarbeit begleitet wird, geht es also zunächst gar nicht um neue Methoden, die erlernt werden müssen. Vielmehr geht es um die Entwicklung eines neuen Menschenbildes und eines Umfelds, das dem Mitarbeiter Vertrauen und Handlungsfreiheit erlebbar macht.

Führungskräfte müssen erkennen, dass sie zukünftige Herausforderungen nur bewältigen können, wenn sie Mitarbeitern deutlich mehr Raum zur Mitgestaltung geben.

Durch Mitgestaltung, dies ist Purps-Pardigol zufolge neurowissenschaftlich bewiesen, messen Menschen einem Ergebnis größere Bedeutung bei. Auf diese Weise entstehen neue Gedanken und Verhaltensweisen, durch die Unternehmen über sich hinauswachsen können. Wenn es gelingt, die Arbeit der Menschen miteinander neu zu gestalten und besser zu vernetzen, dann bedeutet Digitalisierung vor allem eine neue, lebendige Zusammenarbeit.

 

Quellen:

Harvard Businessmanager, Ausgabe März 2018

Sebastian Purps-Pardigol, „Digitalisieren mit Hirn“, 2018

https://www.cisco.com/c/dam/global/de_de/solutions/digital-transformation/pdf/so-digital-ist-deutschland.pdf

https://initiatived21.de/app/uploads/2019/01/d21_index2018_2019.pdf

Digitale Transformation

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